Die Sache mit dem Ehrgefühl und andere Kurzgeschichten

Heute war ein wunderbarer Tag für Erledigungen. Ausnahmsweise einmal wolkig mit Aussicht auf – nein, nicht Fleischbällchen – Regen. Also habe ich erste Karten geschrieben, Adressen in mein Filofax eingetragen und schließlich um 12:05 entschieden, mich erneut auf den Weg in die Viale Eritrea zu machen, um ein für alle Mal das Thema mit der italienischen Nummer abzuhaken. Und da laufma schon.
Bin dort angekommen, habe mit einem jungen Mann geredet, der deutlich freundlicher war, als die Dame gestern und hatte diesmal auch brav meinen Pass dabei. Was soll noch schief gehen?
Er wollte mir auch das Paket mit den 250 Minuten verkaufen, aber ich rechne eigentlich nicht damit, in den kommenden sechs Monaten 250 Minuten zu vertelefonieren. „Gut“, sagt er, „es gibt auch hundert Minuten.“ 20 €, soll der Spaß inklusive SIM-Card kosten. Nehmen wir.
Passkopie, Unterschrift, Blabliblo, bezahlt, FERTIG. Yesssss.
Da ich gestern auf dem Corso Trieste eine Parfümerie entdeckt hatte (keine kleine sauteure, sondern ein Kettenzeugs), bin ich dort hin, um nach gelbem Nagellack zu suchen. Erfolgreich!
Abgesehen von meinen braunen Stiefeln (LIEBE!) steht auf meiner To-Do-Liste für die sechs Monate auch: Pumps, Tasche(n) und Sandalen. Jetzt ist Abverkauf, jetzt muss ich zuschlagen, das Problem ist nur, dass ich irgendwie Hemmungen habe, Geld auszugeben. Zwar hab ich brav und viel gearbeitet im Sommer, um mir ordentlich Taschengeld für das halbe Jahr zu verdienen, aber jetzt kann ich’s nicht ausgeben. Das bekomme ich aber auch noch hin. Es mag zwar komisch klingen, aber auch in finanzieller Hinsicht werde ich in der Zeit in Rom dazulernen. Ich muss nämlich lernen, Geld auszugeben. Ich denke mir immer: „Eigentlich bräuchte ich das wirklich. Aber egal, vielleicht finde ich das irgendwann billiger. Ich überleg’s mir. Im Endeffekt ist es jetzt nicht überlebensnotwendig.“
Gut, ohne schöne hohe Schuhe werde ich mir wirklich nicht den vorzeitigen Tod holen, aber wieso sollte ich mir nicht etwas Schönes gönnen? Ich kaufe ja nicht Schuhe um 150 €. Ich glaube ich muss mich einfach an den Gedanken gewöhnen, dass Leben kostet. (Und auch etwas mehr kosten darf, wenn man brav gearbeitet hat. 🙂 )
Genug davon.
Zum späten Mittagessen war ich wieder zu Hause (Sabina hatte herrliche Pasta gekocht.). Die Schinkenfleckerl, die ich heute für alle gekocht habe, sind wirklich gut gelungen! Fleckerl gibt’s hier nicht, also habe ich halt stattdessen diese Maschen-Nudeln genommen. Die kommen ziemlich nah an Fleckerl heran. Die Fleischwürfel, die ich gestern beim Spar erstanden habe, waren in Ordnung. Geselchtes ist zwar noch viel besser, aber es war wirklich ok mit dem Schinken. Alles in allem ein Erfolg.
Das Einzige, dass mich hier stört, ist, dass die Kinder sich nicht bedanken, ihren Müll nicht wegräumen, nicht bei Tisch sitzen bleiben (Heute haben wir das allererste Mal alle gemeinsam gegessen, seit ich da bin und trotzdem werden sie ungeduldig. Vielleicht ist der Grund dafür auch, dass es eben so wenige gemeinsame Mahlzeiten gibt.) und Lorenzo mich weder grüßt (nicht einmal wenn ich ihn direkt begrüße), noch mit mir redet. Aber ich werde ihnen das einfach langsam beibringen. Ich habe zur Sicherheit auch mit Sabina geredet und sie ist einverstanden damit, dass ich die Buben auf solche Dinge hinweise. (Ich hätt’s auch so machen können, schließlich ist ja nichts falsch an meinen Forderungen, aber ich wollte einfach sichergehen.) Ich glaube in Zukunft werde ich die Kinder zu Tisch bitten, wenn ich ihnen ein Essen mache. Letztes Mal habe ich sie vor dem Fernseher sitzen lassen.
Das finde ich übrigens sehr schade: Die Kinder kommen nach Hause, setzen sich aufs Sofa vor den Fernseher, haben iPad, Gameboy etc. vor der Nase und verlassen das Sofa nur, um aufs Klo zu gehen, sich Birnensaft, Eis oder ihre Lieblingskekse zu holen. Sie schlafen auch im Wohnzimmer, sehen also fern, bis sie einschlafen.
Einmal habe ich mitbekommen, dass Lorenzo im Park und dann bei einem Freund war. Wenn Freunde hier sind, sitzen die Kinder im Wohnzimmer oder in meinem Zimmer oben auf meinem Stockbett und spielen abwechselnd Gameboy.
Vielleicht kann ich sie ja einmal dazu animieren, mit mir etwas zu spielen. Mal sehen 🙂
Ich hoffe auch, dass Lorenzo sich mir gegenüber etwas öffnet. Vielleicht braucht er einfach etwas mehr Zeit als Federico.
Morgen fliegt Sabina nach New York. Sie kommt am Samstag wieder und meldet sich dann bei mir, weswegen ich ihr meine italienische Nummer geben wollte. Ich habe also meine neue SIM-Card ausgepackt und ins Handy eingelegt. PIN eingegeben und Tadah, es ist vollbracht. Aha, gleich fünf SMS. Geht ja schnell. Jüngste Nachricht: Versäumter Anruf von Sabina Castelfranco. (Sie hat die Nummer gleich ausprobiert, aber da hatte ich das Handy noch nicht angeschaltet.) Die restlichen vier waren von Vodafone und auf Italienisch, aber ich hab die Texte trotzdem gut verstanden. Hätte ich lieber nicht. Also schon, so weiß ich nämlich jetzt, dass mich der Verkäufer erfolgreich über den Tisch gezogen hat, aber es ist halt nicht schön, so toll einen italienischen Text zu verstehen und dann so eine Nachricht zu bekommen.

„Tutti 100+ e‘ attiva e sara‘ valida fino al 20/10/2012.“

„Hä?“, schießt es mir zuerst durch den Kopf, „Welcher Vertrag gilt denn bitteschön für einen Monat?“
Ich habe nicht glauben wollen, dass der Gute mich so veräppelt hat. Und dann hat’s „Klick“ gemacht. Die 100 Minuten sind einen Monat lang gültig, dann verfallen sie. Ich dachte ich kaufe ein Guthaben für 100 Minuten für die GESAMTEN SECHS MONATE. Kurz davor ich noch zu Sabina: „Und wenn ich die 100 € nicht verbrauche, kann ich sie ja nächstes Jahr weiterverwenden, wenn ich wiederkomme.“
Hallo, ich hab noch nicht mal Freunde hier in Rom. Was mache ich mit 100 Minuten? Großartig. Wozu frage ich bitte nach „all the options“? Und jetzt mal ehrlich, wenn ich so einen Vertrag abschließe, dass ist die Tatsache, dass diese 100 Minuten nach einem Monat verfallen eine Grundinformation. Ein aufrichtiger Verkäufer teilt dem Kunden solche fundamentalen Details mit. Es hat ja nicht die Welt gekostet, der Spaß, aber was mich fast mehr aufregt, als die Tatsache, dass ich bis 20.Oktober von den 100 Minuten höchstens 10 verbrauchen werde, ist, dass der Verkäufer so ehrlos ist, mich da so reinlaufen zu lassen. Das mag für einige von euch naiv klingen, aber ich glaube an Ehrgefühl. Ich glaube auch an gute Kundenbetreuung und wenn das heutzutage zu viel verlangt ist und man konstant damit rechnen muss, über den Tisch gezogen zu werden, ist das echt nur mehr zum Heulen.
Morgen werde ich noch einmal hingehen und die zur Rede stellen. Ich rechne nicht damit, etwas zu erreichen, schließlich habe ich einen Vertrag unterzeichnet, aber dennoch. Ich möchte ihnen zumindest sagen, was ich von dem Ganzen halte.
Jo. Blöd, aber lesson learned. Gott sei Dank war’s nicht mehr Geld.

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