Neues aus Rom

Der ehemalige Butler vom Papst wurde also zu 18 Monaten Haft verurteilt. Vorerst sollen die als Hausarrest abgesessen werden, wenn ich das richtig verstanden habe. Vollkommen entschieden ist aber noch nichts, weil der Papst die Möglichkeit hat, den kleinen Langfinger zu begnadigen. Man wird sehen.

Wie passt das hierher?
Gestern verbrachte Sabina zusammen mit einer sehr guten Freundin und Kollegin namens Barbie den gesamten Tag beruflich im Vatikan. Barbie hat zwei Kinder, Matthew (11) und Nicholas (13), die beide entzückend sind. Jedenfalls habe ich in Barbie’s wunderschöner Wohnung nahe des circo massimo von acht Uhr Früh bis ungefähr fünf Uhr Nachmittag auf die Kinder aufgepasst. Barbie hatte für das Frühstück herrliche Blueberry- und Bananenmuffins gebacken und während ich in der Küche Postkarten schrieb, hielten die Kinder mit diversen iPads eine fast ganztägige LAN-Party ab.
Zum Mittag waren wir in einem Bistro Sandwiches essen und holten uns danach ein Eis bei einer herrlichen gelateria, die ausgefallene Sorten wie Reis-Sesam-Kastanienhonig, Rumschokolade und Wasabi führt. Ich habe mir geschworen, Wasabi einmal zu probieren. Gestern gönnte ich mir Reis-Sesam-Kastanienhonig, Rumschokolade und Zimt. 🙂 Mjam!

Barbie’s Kinder sind entzückend! So hilfsbereit und höflich, fragen ob sie diverse Sachen nehmen und haben dürfen, bedanken sich, sind selbstständig und verantwortungsbewusst. Ich habe auf meinem Laptop Musik gehört und Nicholas kam zu mir, interessierte sich für meine Musik und sagte mir, dass er das Lied, welches ich gerade hörte, kannte und total gern hatte.

Sabina kam um fünf Uhr zurück, eine Stunde später auch Barbie und schließlich traf Paul Brennan ein, ein britischer Journalist und guter Bekannter von Barbie und Sabina, der mit uns essen gehen würde. Gemeinsam saßen wir auf der Terrasse und unterhielten uns gemütlich über den Journalistenberuf und diverse andere Themen, bis wir in Richtung Restaurant aufbrachen, wo wir herrlich zu Abend aßen. Die drei hatten so viele interessante Dinge zu erzählen!

Am Donnerstag fand meine zweite Kurseinheit in der Società Dante Alighieri statt, zu der ich diesmal pünktlich erschien. 😉 Anscheinend hatte der Streik am Dienstag insofern einen bremsenden Einfluss auf den Morgenverkehr gehabt, als dass die Römer, die vom sciopero wussten verstärkt mit eigenen fahrbaren Untersätzen in die Arbeit fuhren.
Als ich aber in den Raum 3 hineinlugte, in denen der Anfängerkurs stattfand, war er bummvoll. Sofort nahm ich an, meine Gruppe sei verlegt worden, aber anscheinend hatten viele Kursteilnehmer am Tag des Streiks nicht den Weg in die Stadt gemacht. (Das ist hier übrigens gar nicht so selten. Als Teresa Czernin am Dienstag in die Uni kam und als einzige in einem der Säle saß, fragte sie jemand, wieso sie überhaupt gekommen sei – es war ja Streiktag.)
Die Gruppe von ungefähr 12 Personen war also auf das doppelte gewachsen, was unsere etwas schrullige Lehrerin (sie erinnert mich ein wenig an Professor Trelawney, die Wahrsage-Lehrerin aus Harry Potter) an den Rand der Verzweiflung brachte. Nächste Stunde, am Dienstag, werden wir  jedenfalls in zwei Gruppen aufgeteilt werden.

Da ich am Donnerstag schon in der Stadt war, nutzte ich die Gelegenheit und wollte mir das Monatsticket für Oktober besorgen. Schließlich hatten wir schon den 3.Oktober, auch wenn mir das ganz komisch vorkommt, weil sich das Wetter eher wie Spätsommer anfühlt. Nur in der Früh und am Abend ist es schon merklich kühler.
Leider hatte keine einzige tabaccheria mehr Monatstickets. Ausverkauft. Toll.  Also wieder auf zum Termini und zum ATAC-Office. Gott sei Dank wusste ich diesmal schon, wohin ich musste und die Schlange war nicht so arg wie letztes Mal (klar, Anfang September besorgen alle ihre Jahrestickets und diverse andere Fahrausweise). So musste ich nur eine Stunde warten.
Lektion jetzt aber wirklich gelernt: Nächstes Mal kaufe ich mein Monatsticket mindestens eine Woche vor dem 5. des nächsten Monats.

Als ich auf den Bus zum termini wartete, übte ich eine meiner Lieblingsbeschäftigungen – Leute beobachten – aus. Klingt jetzt creepy, ihr braucht aber gar nicht so zu tun, als ginge es euch nicht auch so. 😉 Dabei fielen mir wieder einige Dinge auf.

Die Männer hier, selbst Carabinieri, checken Mädchen und Frauen echt vollkommen ungeniert von oben bis unten ab. An einer Straßenecke, an der ich vorbei komme, wenn ich laufen gehe oder die Kinder von der Schule abhole, stehen immer zwei Carabinieri. Ich grüße sie immer und der eine hat keine Scham, mich echt jedes Mal von Kopf bis Fuß gut zu mustern und mir dann einen Gruß zu entgegnen. Das kommt halt auch mit der Offenheit, die mir ja hier generell sehr gut gefällt. Das Verhalten vieler Menschen hier ist generell viel unverhohlener.

Während ich an der Station gewartet habe, sind mehrere Carabinieri in Kleinbussen und Autos vorbeigefahren, aber obwohl sie so präsent sind, haben die restlichen Verkehrsteilnehmer kein Problem damit, wie die Wilden zu fahren.
Ich musste so lachen, wie ein Mopedfahrer – Zigarette in der NICHT am Lenkrad befindlichen linken Hand – vom Gehsteig aus die Straße überquerte, um auf die richtige Spur zu kommen, und dabei einen Bus schnitt. Und das Alles direkt vor der Nase von zwei im Auto sitzenden Carabinieri. Herrlich. In Wien wären die Polizisten wie Schachtelteufel aus dem Auto gesprungen, hätten den werten Herrn Mopedfahrer aufgehalten und ihn gefragt ob „ma geg’n a Kastl g’rennt san“.

Wenn man in einem anderen Land lebt, lernt man wirklich Dinge zu schätzen, die einem zu Hause nie besonders toll erschienen, was eigentlich nicht schlecht ist. Die Pünktlichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel, zum Beispiel.
Als ich am Mittwoch auf den 63er wartete, um in die Stadt zu fahren, wo Teresa zur Feier ihres Geburtstages einen Tisch reserviert hatte, fuhren VIER Busse in die andere Fahrtrichtung vorbei, bevor meiner daherkam. Eine junge Frau, die auch auf den Bus wartete, fragte mich in besonders gutem Englisch, wie lang ich denn schon wartete. „Mindestens 15 Minuten“, entgegnete ich, und gerade als ich ihr erzählte, dass schon drei Busse in die andere Fahrtrichtung vorbeigekommen waren, bog der vierte um die Ecke. Herrlich ironisch war das!
Jedenfalls sind wir dann ins Gespräch gekommen und haben die gesamte Busfahrt wahnsinnig nett geplaudert.
Sie kommt auf Kalifornien und lebt seit vier Jahren on/off in Rom – zumindest im Sommer fliegt sie immer nach Hause. Es war irrsinnig lustig und interessant, unsere Erfahrungen auszutauschen. Ich hoffe, dass wir uns wieder treffen. 🙂
Als ich aussteigen musste, haben wir uns verabschiedet und gegenseitig namentlich vorgestellt. Leider habe ich ihren Namen in der Sekunde, in der ich den Bus verließ, schon wieder vergessen gehabt. Mist. Das ewige Namensdilemma. Muss mir einen eleganten Weg ausdenken, ihr den Namen zu entlocken, sollten wir uns noch einmal über den Weg laufen. 😛

Derzeit vermisse ich euch alle, meine Familie und meine Freunde, ziemlich arg. Hier habe ich viel Zeit für mich alleine und zeitweise auch viel Freizeit, was toll ist, aber was mir wirklich fehlt, ist eine Familie wie ich sie zu Hause habe. Eine Familie, in der man gemütlich bei Tisch sitzt und Gespräche führt. Lorenzo stopft immer alles in sich hinein und läuft gleich wieder weg. Federico ist da etwas ruhiger, aber mehr als eine Viertelstunde sitzen die beiden kaum bei Tisch.
Sabina und ich führen  total nette, ausführliche Gespräche über Gott und die Welt, wenn sie da ist, und sie sagt mir regelmäßig, wie froh sie ist, mich hier zu haben und wie glücklich ich sie mache. Das freut mich wirklich! Aber trotzdem ist die Situation hier vollkommen anders, als bei mir zu Hause. Die Kinder interessieren sich kaum für mich. Manchmal fragen sie mich Vokabel ab, oder bitten mich, ihnen bei der Hausaufgabe zu helfen, aber wenn ich sie frage, ob sie Spiele spielen wollen, verneinen sie. Mit Lorenzo habe ich es am schwierigsten. Federico ist viel sensibler und einsichtiger als Lorenzo.
Gestern habe ich den direkten Vergleich zu Barbies Kindern gehabt. Lorenzo und Federico sind sehr selbstbezogen. Heute wollte Sabina mit ihren Eltern skypen, brauchte dafür aber das iPad, vor dem die Buben eh jeden Tag stundenlang sitzen und Federico hat angefangen zu jammern und Zeitlimits zu setzen. Sabina lässt sich das gefallen.

Gestern im Auto auf dem Weg nach Hause haben die Buben wieder begonnen, iPad zu spielen, nachdem sie den ganzen Tag hauptsächlich vor den Dingern gehockt waren. Als Sabina sie gebeten hat, die iPads nun abzudrehen, haben sie einfach nicht gefolgt. Sie hat es wieder und wieder und wieder sagen müssen. Irgendwann haben die beiden dann endlich gefolgt, wobei Federico wieder einmal als besseres Beispiel voran gegangen ist. Als ich den beiden gesagt habe, dass sie sich anschnallen sollen, haben sie mich einfach ignoriert. Ich habe ihnen erklärt, dass ein geringes Risiko nicht kein Risiko bedeutet und man lieber vorsichtiger sein soll, aber die beiden haben mich einfach vollkommen ignoriert. Mir liegt so ein Verhalten leider gar nicht.

Das Problem ist, dass man ihnen das einfach durchgehen lässt. Am Freitag habe ich Kartoffelschmarren zum Abendessen gemacht und dazu Fleisch abgebraten. Der Schmarren ist mir wirklich gut gelungen, muss ich sagen. Lorenzo ist nach dem ersten Bissen zur Spüle gegangen, hat etwas ausgespuckt und gesagt, dass da etwas in den Erdäpfeln drinnen ist. „Yes, onions“, habe ich gesagt und er hat sich sofort beklagt, dass er keine Zwiebel mag. Federico hat den Schmarren dann nicht einmal mehr probiert und Lorenzo hat darin rumgestochert und hat auf Sabinas Hinweis, es wäre ein österreichisches Gericht, gesagt „a typical disgusting [Wort, dass ich nicht verstanden habe]“. Das fand ich echt unfreundlich. Ich koche gute Sachen und bemühe mich und er sagt es ist „disgusting“. Meiner Meinung nach hätte man ihn darauf hinweisen müssen, dass man so etwas nicht sagt, wenn sich jemand die Mühe gemacht hat zu kochen und dass nicht alles, was einem selber nicht schmeckt gleich „disgusting“ ist. Alles was Sabina getan hat, ist ihm die Wange zu streicheln und in leicht tadelndem Ton zu sagen, dass man so etwas nicht sagt, solange andere Leute auf der Welt nichts zu essen haben.
Aber bitte. Ich werde einfach damit leben müssen und das Beste daraus machen.

Es gibt dann und wann auch echt gute Momente! Heute beim Abendessen, zum Beispiel, ist Federico noch ein bisschen in der Küche geblieben, weil er noch etwas gegessen hat, und wir haben ein bisschen geredet.
Und heute beim Hausaufgaben machen – jetzt am späten Nachmittag – war der Fernseher sogar ausgeschaltet.

Ich habe vor, mir für die nächsten Wochen Touren zusammenzustellen, die ich an verschiedenen Tagen absolvieren kann. Ich werde einfach immer einen bestimmten Teil von Rom besuchen und mir dort alles ansehen, das mich interessiert. So vermeide ich es, quer durch die Stadt zu fahren, sondern sehe alles Portiönchen für Portiönchen. 🙂
In nächster Zeit wird mich Sabina nämlich viel brauchen, da sie gerade viele große Stories am Laufen hat, und mit diesen „Touren“ fällt mir das Zeitmanagement leichter, da ich schon einen Plan habe, wie ich das Ganze gestalte.

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Ein Kommentar zu “Neues aus Rom

  1. Pingback: R wie Risotto, Rutschpartie, Restaurant, … | piagoesrome

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